MINT - Unterricht  mit  Arduino und anderen

Coden und Lernen

In Deutschland geht die Angst um, das Land verbaue sich die Zukunft, wenn nicht schon Kleinkinder digital lernten. Andere Länder machen es vor: In England ist „Computing“ ein Pflichtfach für Erstklässler, in Estland und Luxemburg ebenso. Und auch hierzulande fluten Projektideen und Unterrichtsvorschläge das Internet. Leider wagt kaum jemand dem Code-Dogma zu widersprechen und es gibt auch keine Instanz, die sich damit beschäftigt, Spreu vom Weizen zu trennen. So sind interessierte Lehrkräfte nicht selten mit Vorschlägen konfrontiert, die meist nur wenig gemein haben mit gutem Unterricht.

Im Rahmen der „Roberta Initiative“ wird beispielsweise die Unterrichtseinheit "Sachunterrichtsstunde: Belebte Natur“ vorgehalten, die zeigen soll, wie Sach- und informatisches Wissen sinnvoll miteinander verknüpft werden können.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann die Einheit hier oder hier herunterladen.

Wer darüber hinaus interessiert daran ist, wo da der "Hase im Pfeffer" liegt, sollte die nachfolgende Gegenüberstellung lesen: 

 

Unterrichtsplanung

         

Kommentierung

Thema

Verhaltensregeln im Umgang mit Pflanzen, Pflege einer Pflanze im Klassenraum

Material (für je 2 Kinder)

- Notebooks oder PCs mit Internetanschluss (https://lab.open-roberta.org)

- Calliope mini mit Batterie-Pack und USB-Kabel 

 

Lehrererzählung als möglicher Einstieg

„[…] Mila ist von Beruf Gärtnerin […] Sie hat zwei große Säcke mit Samen: Sonnenblumen und Primeln […] aber sie weiß nicht genau, was die Pflanzen brauchen […] Immer, wenn sie einen Samen einpflanzt, geht die Pflanze ein. Deshalb bittet sie dich um Hilfe.“

 

 

 

 

Problemstellung als Lernanlass

Die Kinder wissen nicht, was die Pflanzen brauchen. Deshalb ist es notwendig, dass sie sich informieren, um Mila helfen zu können.

 

 

 

 

 

 

 

Formulierung des Stundenthemas

„Heute hilfst Du Mila dabei herauszufinden, um welche Pflanzen es sich handelt und was sie zum Wachsen brauchen. Dabei hilft dir auch der Calliope mini.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Arbeitsbogen: So geht es meiner Pflanze

Sieh jeden Tag nach deiner Pflanze.

Lies den Temperatur- und Lichtwert ab.

Trage beide Werte in die Tabelle ein.

 

 

 

 

 „Verhaltensregeln“ sind für die Aussaat und Aufzucht von Pflanzen so bedeutungslos wie PC und Mikrocontroller. Keimversuche und die Aufzucht von Pflanzen sollen dem Interesse für das Lebendige dienen. PCs, Internet und Mikrocontroller werden dazu nicht benötigt, sondern Anzuchttöpfe, Blumenerde und ein Gießgeschirr. 

 

 

Kinder sollten nicht für dumm verkauft werden. Sie haben ein natürliches Gespür dafür oder auch Kenntnis darüber, dass Gärtnerinnen genau wissen, "was die Pflanzen brauchen". Sie durchschauen auch das Hirngespinst, sie könnte bei Fragen eine Grundschulklasse um Beistand bitten. Peinlich ist, dass die Lehrerin erzählt, Samen würden gepflanzt. Wie sich später zeigt, ist das nicht nur ein Versprecher.

 

 

Hat diese "Problemstellung" einen besonderen Aufforderungscharakter? Wohl kaum. Etwas nicht zu wissen ist in dieser Alterstufe allgegenwärtig und Wissbegierde kann nicht "einfach so" vorausgesetzt werden.

Darüber hinaus ist der Anspruch, die Kinder sollen "sich informieren" abwegig. Zum einen sind sie des Lesens noch nicht oder nur ansatzweise mächtig (Klasse 1-4), zum anderen ist es viel zu schwierig klarzustellen, "was Pflanzen brauchen" (schwammige Problemstellung).

 

Die Frage, warum Milas Pflanzen eingehen (siehe Einstieg) wird aus unerfindlichen Gründen fallengelassen. Statt um Milas Problem soll es nun um Pflanzenbestimmung und darum gehen, was Pflanzen "zum Wachsen brauchen".

Soll die Keimesentwicklung (ein für die Grundschule geeignetes Thema) außer Acht gelassen werden?

Die Vermutung liegt nahe, weil "Lichtwerte" gemessen werden sollen. Bei der Keimesentwicklung macht das keinen Sinn, weil dazu Licht entbehrlich ist.

Beim Wachsen dagegen ist Licht bedeutsam: Es wird zur Bildung von Chlorophyll  benötigt, das die Pflanze befähigt, aus Kohlendioxid und Wasser neue Stoffe zu bilden, die zur Größenzunahme (Wachstum) nötig sind.

Dieser Sachverhalt erscheint aber nur wenig tauglich für die Alterstufe.

 

 

Jeden Tag nach einer Pflanze zu sehen (siehe Arbeitsauftrag) beinhaltet nicht, ihren Zustand und mögliche Veränderungen zu dokumentieren. Dass das gewollt ist, wird nur deutlich, weil neben den Temperatur- und Lichtwerten auch ein Emoticon die Beispieltabelle ziert.

Zu erwarten steht, dass nur ein Smiley gebraucht wird, weil die Keim- und Anzuchtversuche unter den für einen Klassenraum realistischen und in der Beispieltabelle bereits genannten Werten von 23° C und 80% Licht gut gelingen und schädliche Auswirkungen ausbleiben sollten.

Die Bekanntgabe des Lichtwerts dürfte für die Kinder Hinweis genug sein, die Anzuchttöpfe nicht der prallen Sonne auszusetzen, was sie sowohl vor übermäßigem Licht als auch auch vor Hitze schützt. Mit Kälte muss in einem Klasseraum wohl kaum gerechnet werden.

Dass unter solch stabilen und im Detail abschätzbaren Umständen jede Lerngruppe für sich immer wieder Temperatur- und Lichtwerte ermitteln soll, ist schlichtweg unverständlich und entlarvt ein solches Tun als reinen Selbstzweck. Nicht die belebte Natur, sondern der Calliope mini steht im Mittelpunkt des unterrichtlichen Geschehens. 

Es wäre bitter, wenn die Vermittlung digitaler bzw. medialer Kompetenzen zu Qualitätsverlusten führte im Hinblick auf curriculare Vorgaben und pädagogische Grundsätze.